Erfahrungsbericht über eine Lesereihe, die im Rahmen der bundesweiten Hospizwoche im Oktober 2021 von der Ambulanten Hospizgruppe durchgeführt wurde

Wir sind ein Team von 4 Leuten und wir arbeiten ehrenamtlich als Sterbebegleiter. Unsere Gruppe hat sich den Namen „Brückenbauer“ gegeben. Der Name ist bewusst gewählt, weil wir Brücken aus unserer Gruppe hinaus in die Zivilgesellschaft bauen wollen und natürlich auch Brücken für Menschen anbieten, die sich für unsere Arbeit interessieren.

In diesem Kontext haben wir uns letzten Herbst überlegt, was könnten wir während der bundesweiten Hospizwoche anbieten. Der Gedanke lag nahe, da ja eine mediale Begleitung durch Werbung und Ankündigung im Fernsehen stattfinden würde und deshalb eine gewisse Sensibilität für das Thema vorhanden sein könnte.

Und unsere Idee war, eine Lesereihe anzubieten, mit verschiedenen Texten zu den Themen „Sterben, Tod und Trauer“. Und wenn sich so eine Idee verfestigt, macht man sich Gedanken, wie sie umsetzbar sein könnte und davon will dieser Bericht erzählen.

 

Suche nach einem Ort für die Umsetzung

Wir waren uns einig, dass wir eine Kirche finden wollten. Orte strahlen etwas aus, wenn wir sie betreten und wir strahlen etwas zurück. Seien es unsere Gedanken, Gefühle oder Erfahrungen. Ein Konzertsaal strahlt etwas anders aus als ein Unterrichtsraum. Mancher wird beim Betreten eines Kirchenraumes das Gefühl kennen, dass dieser Raum etwas ausstrahlt. Er ist gefüllt mit Erinnerungen, mit Gedanken, mit Hoffnungen, mit Sorgen und mit Glück. Um das zu spüren, braucht man nicht unbedingt ein religiöser Mensch sein.

Die Kirche war schnell gefunden, der Hausherr fand das Vorhaben auch gut, direkt am Marktplatz in Bruchsal gelegen hatte sie auch den Vorteil, dass sie sich für ‚Laufpublikum‘ vortrefflich eignete.

Nachdem der Ort gefunden war, ging es an die Umsetzung der Idee.

 

Struktur/Format der Veranstaltung

Wir wollten eine Struktur, die eine Regelmäßigkeit (6 Vorlesungen in einer Woche), eine feste Zeit und immer die gleiche Länge (von 12.00 Uhr bis 12.30 Uhr).

Dann wollten wir Texte vorlesen, die sich mit unseren Themen (Sterben, Tod und Trauer) beschäftigen.

Ein weiterer Punkt der Struktur war, dass wir nicht über die Texte diskutieren wollten. Das hatte zwei Gründe:

  • Wir wollten die Menschen nicht aus ihren Gedanken herausholen. Ihnen stattdessen Raum für ihre eigenen geben, denen sie noch nachgehen konnten, indem sie noch in der Kirche blieben oder sie einfach mit nach Hause nahmen.
  • Kirchenräume laden nicht zum Gedankenaustausch ein. Die wenigen, die kommen, verteilen sich auf eine große Fläche, vereinzelt in Bänken (was durch Corona noch verstärkt wurde) und meistens weit weg vom Vorlesenden.

Der Ablauf der Lesung verlief so, dass zu Beginn 5 Minuten ein Musikstück gespielt wurde, das im Idealfall die Anwesenden aus ihrem Alltag herausnehmen sollte, den sie gerade mitbringen und zum Thema hinführt.

Dann folgte 20 Minuten Lesung mit einem oder mehreren Texten, ein oder zwei Vorleser/innen.

Zum Abschluss nochmal 5 Minuten Musik, um das gehörte wirken zu lassen.

Die Technik war in der Kirche hervorragend. Man musste nur das Mikrofon anstellen und sofort einen klaren Sprachsound, der auch den letzten im hintersten Winkel erreichte. Das war wunderbar.

Im Vorraum zur Kirche hatten wir noch unsere Informationen ausgelegt und jeder Gast wurde persönlich begrüßt.

 

Texte

Julian Barnes:              “Lebensstufen”

Johann Peter Hebel:    “Kannitverstan”

Zsuzsa Bank:               “Sterben im Sommer”

Moni Nilsson:                “Soviel Liebe”

Tanja Raich:                 “Wir steigen hoch”

Dennis Schmees:        “Der Tag, an dem meine Schwester starb”

 

Erfahrungen

Es gab sehr positive Reaktionen der Leute auf die verschiedenen Texte beim Hinausgehen. Die Lesungen wurden im Schnitt von 7 bis 13 Personen besucht, sodass wir cirka 60 Besucher hatten.

Wir als Veranstalter fanden das als Erfahrung sehr positiv und hatten unsere Freude an den Veranstaltungen.

 

Ausblick

Wir werden im Oktober dieses Jahres die Reihe wiederholen. Natürlich mit neuen Texten, am gleichen Ort und derselben Struktur.

Des Weiteren werden wir innerhalb der Woche in Kooperation mit der Stadtbibliothek Bruchsal einen Leseabend zu hospizlichen Themen anbieten, das heißt, wir lesen Texte und diskutieren -bei Bedarf- hinter darüber. Wir sind gespannt, ob so ein Format angenommen wird und haben bereits 2 weiter Leseabende im Oktober und Januar 2023 geplant.

 

Text: Peter Holzer, Foto: Claudia Leitloff

Gewinner bei der Aldi-Aktion „Gut für hier. Gut fürs Wir.“ – Die Ambulante Hospizgruppe dankt ihren Unterstützern

Sechs Wochen lief die Spendenkampagne von Aldi Süd „Gut für hier. Gut fürs Wir.“, bei der Kundinnen und Kunden je nach Einkaufswert Gutscheine zur Unterstützung eines Vereins sammeln konnten. Die Ambulante Hospizgruppe Bruchsal und Umgebung hatte sich in ihrem Einsatzgebiet bei der Filiale in Graben-Neudorf registriert und ganz viel Glück. Zahlreiche Menschen wollten die Arbeit der Gruppe fördern und lösten insgesamt 220 Gutscheine für sie ein. Damit sicherten sie der Hospizgruppe den ersten Platz und 1500 Euro Gewinnprämie! Geld, das die Hospizgruppe gut gebrauchen kann, um weiterhin sterbende Menschen und ihre Angehörigen zu Hause, im Pflegeheim und im Krankenhaus begleiten zu können. Außerdem bietet die Ambulante Hospizgruppe Unterstützung für trauernde Hinterbliebene in Trauereinzelgesprächen, Trauercafés und einer Selbsthilfegruppe sowie Seminare und Beratungsangebote rund um die Themen Sterben, Abschied und Trauer.

Für all diese Aufgaben erhält die Ambulante Hospizgruppe mit dem ersten Platz bei der Aldi-Aktion nun finanzielle Unterstützung. Vielen herzlichen Dank an alle, die dazu beigetragen haben! Und Glückwünsche auch an den Zweitplatzierten, den Heimat- und Kulturverein Forst e.V.

Wenn Sie Fragen zur ehrenamtlichen Begleitung schwerkranker Menschen und deren Angehörigen haben oder Informationen zu Trauerangeboten wünschen, erreichen Sie die Ambulante Hospizgruppe unter Telefon: (07 251) 320 40 10.

Die Koordinatorinnen der Hospizgruppe, Ulrike Fank-Klett und Kristina Weinert, sind gern für Sie da.

 

Foto: Klaus-Matthias Hasert

Schritte in ein Leben „ohne dich“ – Gedenkfeier der Ambulanten Hospizgruppe

Nach zwei Coronajahren war es der Ambulanten Hospizgruppe Bruchsal und Umgebung in diesem Sommer endlich wieder möglich, eine Gedenkfeier durchzuführen. In der alten St. Martinskirche in Zeutern waren die Hinterbliebenen der Menschen eingeladen, welche durch die Ehrenamtlichen der Gruppe begleitet wurden und die verstorben sind. Auch Gäste der Trauerangebote der Hospizgruppe fanden hier einen Ort der Erinnerung. Darüber hinaus waren die Kooperationspartner und Unterstützer der Gruppe und natürlich die Ehrenamtlichen herzlich eingeladen.

Im Gedenken an die Verstorbenen wurden, begleitet durch andächtige Musik des „Weiherer Quartetts“, alle Namen verlesen. Für jeden Namen wurde eine Kerze entzündet. Danach herrschte Stille. Eine Stille, erfüllt von dem Meer aus Lichtern. Jedes einzelne davon ein Mensch, eine Geschichte, ein Leben und Hinterbliebene, die all das in tiefer Erinnerung bewahren. Ganz sachte erklang in die Ruhe hinein das Lied „Von guten Mächten“, in das die Anwesenden, wenn sie wollten, mit einstimmen konnten. Und vielleicht spendeten ein warmherziger Text und „Die Farben der Trauer“, die verlesen wurden, der einen oder dem anderen etwas Trost. Trost, den die Gäste in Form kleiner Papierschmetterlinge schließlich auch mit nach Hause nehmen konnten.

Für die Ambulante Hospizgruppe war die Gedenkfeier eine Gelegenheit, langjährig engagierte Dienstjubilare zu ehren, ausscheidende Ehrenamtliche mit besonderem Dank für ihren persönlichen Einsatz zu verabschieden und die Neuen offiziell willkommen zu heißen. Als sich alle anwesenden Ehrenamtlichen auf der Bühne versammelt hatten, wurden ihnen viele gute Wünsche für die weiteren Einsätze mit auf den Weg gegeben.

Wenn auch Sie sich ein ehrenamtliches Engagement in der Sterbebegleitung vorstellen könnten, melden Sie sich gern bei der Ambulanten Hospizgruppe. Unter Telefon (07 251) 320 40 10 erhalten Sie Informationen zum nächsten Qualifikationskurs.

 

Text: Claudia Leitloff
Bild: Kirsten Schuller-Riedl

Netzwerken in der Hospizarbeit- über gelingende und weniger gelingende Kooperationen

Als mich Fr.Schulz aus dem Wegbegleiter-Redaktionsteam anfragte, ob ich nicht etwas zum Thema „Netzwerk und Kooperationen“ schreiben wolle,

nahmen ziemlich schnell zwei Gedanken Raum ein: „Puh- schwieriges und oft wenig befriedigendes Thema“, als auch „Ja, das ist so wichtig und müsste viel mehr gepflegt werden können“.

Hospizarbeit ohne Netzwerk ist kaum vorstellbar. Alle Akteur:innen bringen ihre Fähigkeiten und Möglichkeiten ein, um schwerstkranken, sterbenden Menschen, deren Umfeld und Trauernden in dieser intensiven und fordernden Zeit zur Seite zu stehen.  Da gibt es Ärzte, Pflegedienste, SAPV-Teams (Spezialisierte Ambulante Palliativ Versorgung), Beratungsstellen, Pflegestützpunkte, Krankenhäuser, Pflegeheime, Palliativstationen, Hospize, ethische Fallbesprechungsmöglichkeiten und natürlich uns, die ambulanten Hospizdienste. Im weiteren, ohne direkten Bezug und dennoch wichtig, „Runde Tische“ in Kommunen, Sozialraumgespräche und ähnliches, um Angebote der Region kennenzulernen, Entwicklungen abzusehen und Kontakte zu knüpfen.

Meine Erfahrung ist, dass Netzwerk von persönlichen Kontakten lebt, welche gepflegt werden wollen und müssen.

Am Beispiel unserer Hospizgruppe (Ambulante Hospizgruppe Bruchsal und Umgebung) kann ich ein wenig darüber erzählen, wie sich Kooperationen gestalten. Als ich Anfang 2020 als Koordinatorin die Pflege unserer Kooperationsheime übernommen habe, hatten wir etliche bestehende Kooperationsverträge. Unser Zuständigkeitsgebiet im nördlichen Landkreis Karlsruhe ist relativ groß, etwa 40 km im Durchmesser. Diese Kooperationen zu hegen erfordert viel Zeit und Engagement. Bei meinen Antrittsbesuchen zeigte sich, wie in der Pflege üblich, ein häufiger Personalwechsel. Dies bringt leider mit sich, dass bei Kontaktbesuchen oft wieder von vorne begonnen werden muss, gewachsene Beziehungen nicht mehr bestehen. Entstehen und Entwickeln einer vertrauensvollen Zusammenarbeit werden dadurch erheblich erschwert. Darüber hinaus erlebte ich aber auch viel Interesse, es wurden Ideen entwickelt und man verständigte sich auf ein verlässliches Miteinander.

Eine noch recht frische Kooperation war die mit der Lebenshilfe Bruchsal-Bretten e.V., einer Einrichtung für Menschen mit geistiger oder seelischer Behinderung. Wir begleiteten sterbende Erwachsene im Wohnheim, machten Trauer-Einzelgespräche und boten eine monatliche Trauergruppe an, welche sehr gerne angenommen wurde. Mit der Zeit zeigte sich, dass die Anbindung der Trauergruppe an die Werkstatt nicht optimal war und wir überlegten innerhalb der Einrichtung neue Möglichkeiten.

Tja, und dann kam Corona.

Während der Lockdowns gab es aus keinem unserer Kooperationsheime Anfragen, gleichwohl es für Sterbebegleitungen möglich gewesen wäre. Es bereitete uns große Sorgen, wie die Menschen in jenen Tagen verstarben- unabhängig von Corona. Hinzu kam, dass in dieser Zeit, aus verständlichen Gründen, nur wenige Ehrenamtliche für Begleitungen zur Verfügung standen. In den Zeiten der Entspannung nahmen Anfragen, wenn auch noch sehr verhalten, wieder zu. Dennoch war und ist eine große Vorsicht und Unsicherheit spürbar.

Heute stehen wir praktisch wieder am Anfang- erneut wird es in nächster Zeit darum gehen, Kontakte aufzunehmen, zu erneuern, zu pflegen.

Doch auch schon vor Corona galten unsere Überlegungen dem Thema, was eine lebendige Kooperation ausmacht. Nicht selten hatten wir den Eindruck, dass die Kooperationsbeziehung recht einseitig gelebt wird. Zwar brauchen Heime und Palliativärzte den Kooperationsvertrag zum Nachweis ihrer Zusammenarbeit mit einem Hospizdienst, doch leider haben wir ein gutes Miteinander häufig vermisst. Manchmal entstand der Eindruck, dass das Unterzeichnen eines Kooperationsvertrages das eigentliche Ziel war, weniger die Zusammenarbeit.  Aus dieser Erfahrung heraus werden wir in Zukunft vor der entsprechenden Schließung eines Vertrages eine Art „Probezeit“ einführen. Je nach Situation wird ½ – 1 Jahr geprüft, wie das Miteinander lebt, es wirklich beiderseitiges Interesse an einer Zusammenarbeit gibt. Sollte sich dies zeigen, steht einer Unterzeichnung nichts mehr im Wege.

Vielleicht sollten wir auch bei den bestehenden Verträgen prüfen, ob eine echte Zusammenarbeit wirklich möglich ist.

Was macht für uns ein fruchtbares Miteinander aus?

Von einer Kooperation erwarten wir ein offenes, konstruktives Zusammenspiel unter Berücksichtigung der jeweiligen Gegebenheiten. Die Partner haben unterschiedliche Aufgaben und Schwerpunkte- hier gilt es, die Strukturen kennen und verstehen zu lernen. Der gemeinsame Blick auf sterbende Menschen, ihre Bedürfnisse und Wünsche, sowie sich daraus entwickelnde Leitlinien bilden das Fundament einer fruchtbaren Zusammenarbeit.  Als Hospizdienst wünschen wir uns eine Ansprechperson im Haus, regelmäßige Besprechungen, wertschätzende Begegnungen und Kommunikation, zeitnahe Informationen über Veränderungen bei Betroffenen. Gerne schulen wir Mitarbeitende zu palliativen Themen, informieren Betroffene und deren Angehörige über Unterstützungsmöglichkeiten in der Region und bieten „Letzte Hilfe Seminare“ im Haus an. Da es in unserem großen Verbreitungsgebiet mit vielen Kooperationsverträgen für die Koordination allein kaum möglich ist, engen Kontakt zu halten, beginnen wir mit ehrenamtlichen Heim-Patenschaften. Dies bedeutet, dass wohnortnahe Ehrenamtliche regelmäßig Kontakt zu den Abteilungen halten und so niederschwellig erste Ansprechpersonen für Betroffene, deren Angehörige und die Mitarbeitenden sein können.

Braucht eine gute Zusammenarbeit dringend einen Kooperationsvertrag?

Eindeutig „nein“. Wir pflegen auch ohne Kooperationsvertrag bereichernde Kontakte zu SAPV-Teams, dem ansässigen Krankenhaus und anderen.

Es freut uns sehr, wenn in Pflegeheimen zunehmend palliative Konzepte entwickelt und – Kompetenzen gestärkt werden. Der gesellschaftliche Wandel bringt es schon jetzt mit sich, dass viele Ältere nicht mehr in der eigenen Häuslichkeit leben können, in betreutes Wohnen oder stationäre Einrichtungen umziehen (müssen). Bereits vor Corona hatte sich abgezeichnet, dass der Bedarf an Sterbebegleitung zuhause sinkt, in den Heimen aber steigt. Dies alles spricht für eine noch engere Zusammenarbeit mit uns Hospizdiensten. Wir verstehen uns nicht als Konkurrenz zu den Pflege- und Betreuungskräften, sondern als ein Teil des Netzwerkes- zum Wohle der Betroffenen und deren Umfeld in einer sehr intensiven Lebensphase.

Schlussendlich geht es einfach darum, den Menschen auf verschiedenen Ebenen und mit vielen Aktiven, ein „Leben bis zum Schluss“ zu ermöglichen- mit oder ohne Kooperationsvertrag.

Text: Ulrike Fank-Klett

Bild: Claudia Leitloff

Leben dauert bis zum Schluss – Essen und Trinken am Lebensende

Für viele bedeutet es einen sehr schweren Moment, wenn Angehörige am Lebensende aufhören zu essen und zu trinken. Man kann den lieben Menschen doch nicht verhungern oder verdursten lassen! Man möchte ihm doch Gutes tun, bekanntlich hält Essen Körper und Seele zusammen.

Oftmals wird an diesem Punkt klar: Jetzt verändert sich etwas. Und damit gehen wir Menschen unterschiedlich um. Manche akzeptieren die Situation, manche können oder wollen es nicht wahrhaben. Cicely Saunders, die Begründerin der Hospizbewegung und Palliativmedizin sagte einst: „Der Mensch stirbt nicht, weil er aufhört zu essen und zu trinken – sondern er hört auf zu essen und zu trinken, weil er stirbt.“

Dabei ist natürlich immer zu klären, ob die zurückgehende Nahrungsaufnahme eventuell andere Gründe haben könnte.  Manchmal nimmt einem Heimweh den Appetit- Heimweh nach der eigenen Wohnung, die man gerade verlassen musste, nach Selbständigkeit oder lieben Menschen. Vielleicht sitzt die Prothese nicht richtig und das Kauen bereitet Schmerzen, vielleicht stört eine Entzündung im Mund oder Übelkeit lässt einen kaum an Essen denken. Wenn körperliche Gründe vorliegen, kann die Medizin oft Abhilfe schaffen.

Bei manchen Krankheiten vergisst man, wie „das geht“ oder es ist aufgrund von Schluckbeschwerden nicht mehr möglich, etwas über den Mund aufzunehmen. Hier ist es wichtig, dass Betroffene und ihr Umfeld, möglichst noch in gesunden Zeiten, miteinander sprechen, welche Maßnahmen in solch einem Falle gewünscht sind. In einer Patientenverfügung kann festgelegt werden, ob beispielsweise künstliche Ernährung infrage kommt. Solche Entscheidungen, welche die Betroffenen selbst für sich fällen, erleichtern es den Angehörigen ungemein, sollten sie in die Lage kommen, für ihre Liebsten sprechen zu müssen.

Hört ein Mensch allerdings auf zu essen und zu trinken, weil er die letzte Phase seines Lebens erreicht hat, bedeutet dies eine der Situation angepasste Entwicklung. Inzwischen weiß man, dass ein Einstellen der Nahrungsaufnahme (dies gilt auch für Flüssigkeit) am Ende des Lebens das Sterben erleichtert. Der Körper schüttet Endorphine aus, was Schmerzen lindern und die Stimmung aufhellen kann. Außerdem können dadurch Übelkeit, Darmprobleme, Wasseransammlungen, Atemnot und Unruhe verringert werden. Essen am Lebensende bedeutet häufig keinen Genuss mehr, sondern nur noch Anstrengung und Belastung. Bieten Sie ruhig immer wieder Speisen und Getränke in kleinen Portionen an. Wenn der Betroffene es jedoch nicht mehr möchte, zeigt er es durch Zusammenpressen der Lippen, Wegdrehen des Kopfes, Abwehren mit der Hand o.ä., vielleicht kann er es auch noch selbst formulieren. Dann braucht es eine andere Form der Unterstützung und Begleitung durch die Angehörigen. Oft tut es gut, wenn die Anwesenheit spürbar wird- durch Schweigen, Erzählen, Vorlesen geliebter Texte, Singen der Lieblingslieder, ganz persönliche Musik spielen (lassen). Auch eine Handmassage oder sanftes Einreiben mit der Lieblingslotion kann als angenehm empfunden werden. Was für die Menschen sehr wohltuend sein kann, ist eine gute Mundpflege- in Apotheken gibt es Schaumstoffstäbchen, welche mit allem getränkt werden können, was die Person mag- sei es Tee, Kaffee, Sekt, Bier, Wein, Eierlikör, Saft oder was auch immer auf der Wunschliste steht. Dies alles natürlich auch nur dann, wenn es angenommen werden möchte.

Wenn Sie „einfach“ da sind, können Sie viel tun für Ihre Lieben – auch ohne Essen und Trinken.

 

Bild: Claudia Leitloff